Kurz-Audit zum Zugüberfall in Weddel

Der Zugüberfall von Eintracht Braunschweig-Fans auf 96-Fans am Bahnhof Weddel am 07. November 2009 wurde in den Online-Ausgaben der unterschiedlichen Medien dokumentiert. Die Meisten Artikel berufen sich auf Meldungen der dpa direkt zum Überfall, den Hausdurchsuchungen und den Gerichtsprozessen in Online-Artikeln von bild.de, newsclick.de, fr-online.de, neuepresse.de, focus.de, n24.de, ndr.de, haz.de, abendblatt.de, 11freunde.de und unzählige mehr.

Ein SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter war aus Zufall selbst Bahnreisender in dem Zug mit den vom Fussballspiel aus Babelsberg kommenden 96-Fans am Bahnhof Weddel östlich von Braunschweig.
Aus diesem Grund sind die Beobachtungen auf der Spiegel-Page detailierter beschrieben:

09.11.2009
Gewalt im Fußball
Protokoll einer Horrorfahrt

Sie kamen aus dem Dunkeln, griffen mit Baseballschlägern, Stangen und Steinen an – nach zwei Minuten war alles vorbei: Hooligans haben einen Bahnwaggon mit Hannover-96-Fans überfallen. Ein SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter erlebte die Attacke mit. Die Chronik eines Gewaltexzesses.

Wie brutal geht es in Deutschlands niedrigen Fußballligen zu? Eine besonders brachiale Hooligan-Attacke auf einen Regionalzug mit Hannover-96-Fans löst jetzt Entsetzen aus. Die Anhänger waren am Samstagabend gerade auf dem Heimweg von einem Regionalligaspiel der U23-Mannschaft in Babelsberg, da wurden sie von 25 bis 30 mutmaßlichen Fans des Erzrivalen Eintracht Braunschweig überfallen.

Die Gewalttäter lauerten ihnen auf dem Vorortbahnhof Weddel auf – und griffen an, als der Zug mit 35 Bundespolizisten an Bord dort einfuhr. Fenster wurden mit Baseballschlägern, Steinen und Eisenstangen eingeschlagen, dann Rauchkörper ins Innere geworfen. Ein Waggon wurde so demoliert, dass er für die Fahrgäste gesperrt werden musste. Der Angriff dauerte nur zwei Minuten.

Ein SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter war zufällig an Bord des Zuges mit den Fußballfans – sein Protokoll der Horrorfahrt nach Hannover:

Weddel, Samstagabend, 20.50 Uhr. Die Regionalbahn 36232 fährt auf dem Weg von Magdeburg nach Braunschweig in den Bahnhof des Vorortes ein. Im letzten der drei Wagen sind etwa 90 Anhänger von Hannover 96 – mit ihnen fahren Dutzende Bundespolizisten aus Bayern und zwei fankundige Beamte aus Hannover.

Im Waggon der Fans sind nur wenige Polizisten. Sie haben sich an den Eingängen und Treppen postiert. Die anderen sitzen im nächsten Wagen. Die Stimmung unter den 96-Anhängern war gerade noch gelassen, jetzt aber merkt man Anspannung, denn die nächste Station ist der Hauptbahnhof Braunschweig – dort erwartet man einen Empfang durch Fans des Erzrivalen Eintracht Braunschweig. Der Konkurrenzclub hatte am Nachmittag ein Heimspiel in der Dritten Liga gegen den SV Sandhausen 6:0 gewonnen; die eigene Mannschaft hatte in Babelsberg 0:1 gespielt.

Der Zug steht noch nicht am Weddeler Bahnhof, da tauchen plötzlich 25 bis 30 Menschen aus der Dunkelheit auf. Sie schreien lauthals. Manche haben sich mit Sturmhauben in blau-gelb vermummt, den Vereinsfarben der Braunschweiger.

Sie greifen mit Holzlatten und Eisenstangen an. Steine fliegen gegen die Fenster, ein Rauchtopf in den Waggon. Die Fans aus Hannover versuchen, aus dem Zug zu kommen und zum Gegenangriff überzugehen. Sie treten von innen die Fensterscheiben ein.

Die Polizisten verlassen den Zug nicht. Später gehen Gerüchte um, Beamte hätten gesagt, dass sie nicht rausgehen wollen. Einer sucht tatsächlich Deckung, und auch die Polizisten aus Wagen zwei verlassen den Zug nicht – denn beide Türen sind defekt. Sie müssen sich erst durch die Mitreisenden in den dritten Wagen vorarbeiten, um überhaupt auf den Bahnsteig zu gelangen.

Als sie dort ankommen, sind die Angreifer schon verschwunden. Augenzeugen berichten, dass ihre Autos mit laufenden Motoren bereitstanden. Ein paar Steine fliegen den Hooligans hinterher. Dann ist alles vorbei. Die Aktion hat keine zwei Minuten gedauert – jetzt muss die Polizei vereinzelt Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzen, um die aufgebrachten Fans aus Hannover zu bändigen.

Die Bilanz: Niemand ist verletzt. Eine Jugendgruppe im ersten Wagen wirkt verstört. Eine Frau hat einen Weinkrampf. Der letzte Waggon des Zuges ist zerstört, Fenster sind zersplittert, durch die Abteile wabert farbiger Rauch. Die Scheibe eines Wartehäuschens ist kaputt. Der Graffiti-Schriftzug „Juden Hannoi“ ist noch deutlich zu erkennen – Hannoi ist der Szene-Name für Hannover.

Die Fans werden auf die beiden intakten Waggons aufgeteilt, bevor es weitergeht. Mit einer knappen halben Stunde Verspätung trifft die Regionalbahn am Braunschweiger Hauptbahnhof ein. Er ist fast leer. Eine größere Anzahl Polizisten steht am Gleis bereit. Der Zug nach Hannover steht am gleichen Bahnsteig, um die Wege zu verkürzen. Es kommt nur noch zu zwei kleineren Zwischenfällen.

Dann verläuft die weitere Fahrt friedlich.

Die Polizei legt Wert darauf, dass sie am Bahnhof Weddel durchaus beherzt eingegriffen hat – „nur dem stringenten Einsatz der Polizei ist es zu verdanken, dass es keine Verletzten gab“, sagt der Sprecher der Bundespolizeidirektion Hannover, Ralf Göttner, zu SPIEGEL ONLINE. „Wir haben kein Verständnis für so eine Aktion und sind sehr betroffen, wie rücksichtslos und heftig vorgegangen wurde.“

Haben die Polizisten in dem Zug richtig reagiert? „Die Beamten hatten gleich drei Aufgaben zu bewältigen“, sagt Göttner. „Sie mussten verhindern, dass die Angreifer in den Zug kamen. Außerdem mussten die Hannoveraner daran gehindert werden, den Zug zu verlassen, um ein direktes Aufeinandertreffen zu vermeiden. Darüber hinaus mussten Auswirkungen auf unbeteiligte Fahrgäste unterbunden werden.“

Auch die Polizei vermutet, dass es sich bei den Angreifern um Anhänger von Eintracht Braunschweig handelt. Einige von ihnen waren in einem Auto mit Braunschweiger Kennzeichen geflüchtet, und auf der Strecke gab es schon mal einen Zusammenstoß zwischen beiden Fanlagern. Die Polizei ermittelt nun wegen Landfriedensbruch gegen Unbekannt.

Innenminister droht mit Spielabsagen

Gewalt in den unteren Ligen ist ein massives Problem im deutschen Fußball. Erst am Freitag war es zu schweren Ausschreitungen beim Derby in der Westfalenliga zwischen dem FC Gütersloh und dem SV Lippstadt gekommen. Rund 80 Hooligans griffen vor dem Stadion des FC Gütersloh mit Eisenstangen und Baseballschlägern einen Bus der Gäste an. In Leipzig wurden bei einem Überfall in dem Städtchen Brandis 20 Kilometer östlich von Leipzig drei Personen verletzt, einer davon schwer. Die Ermittlungen der Polizei laufen noch.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat am Wochenende nicht ausgeschlossen, dass Fußballspiele in der zweiten, dritten und vierten Liga abgesagt werden, falls das Problem nicht besser wird. „In Sachsen ist einmal ein Spiel abgesagt worden, um ein Exempel zu statuieren“, sagte der CDU-Politiker der „Bild am Sonntag“, „nicht wegen Personalmangel, sondern um gewalttätigen ‚Fans‘ keine Bühne zu bieten. Das hat Wirkung gehabt.“ Es könne auf Dauer nicht sein, dass Fußballspiele in der zweiten, dritten oder vierten Liga nur unter Polizeischutz stattfinden können.

jar

Quelle: spiegel.de

Aufnahmen von zwei Schriftzügen auf dem Bahnhofsgelände Weddel direkt nach dem Angriff:


„JUDEN HANNOI !!!“, Fotoquelle: spiegel.de


„HANNOVER VERRECKE! CABS“, Fotoquelle: newsclick.de

Gegen jeden Antisemitismus!

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